Auswertung
Erfolg messen, wenn ein Auftrag neun Monate braucht
Kampagnen werden nach Formularen bewertet, der Auftrag kommt Monate später per Telefon. Wie Anfrage, Angebot und Auftrag wieder zusammenfinden.
Von Julian Budak, Geschäftsführer budak.
Ein Konstrukteur eines Verpackungsherstellers sucht im Februar nach einem Lieferanten für eine Sonderzuführung. Er klickt auf eine Anzeige, liest zwei Seiten und schickt eine Anfrage. Im Werbekonto erscheint eine Conversion. Im April folgt ein Termin vor Ort, im Juni ein überarbeitetes Angebot, im Oktober ruft der Einkauf an und bestellt. Dieser Auftrag taucht im Werbekonto nie auf.
Für die Kampagne sieht der Vorgang deshalb genauso aus wie die Anfrage eines Studenten, der für seine Abschlussarbeit Preise sammelt. Beide zählen als eine Conversion. Wer Budgets nach dieser Zahl verteilt, steuert auf Formulare, nicht auf Aufträge.
Das Problem: Die Messung endet, bevor der Auftrag kommt
Lange Entscheidungswege sind im Investitionsgüterbereich normal. Der Anbieter Dreamdata, der Kampagnen- und Vertriebsdaten von B2B-Unternehmen auswertet, beziffert die durchschnittliche B2B-Customer-Journey in seinem Bericht vom März 2026 auf 272 Tage, nach 211 Tagen im Vorjahr. Rund 220 Tage davon recherchieren Käufer, bevor sie überhaupt im Vertrieb ankommen [1]. Die Zahl ist branchenübergreifend und eine Anbieterangabe. Wer Sondermaschinen oder Anlagen verkauft, kennt aber eher längere Zeiträume als kürzere.
Die Werbesysteme sind auf andere Zeiträume gebaut. In Google Ads lässt sich der Conversion-Tracking-Zeitraum, also die Zeit nach einem Klick, in der eine Conversion noch der Anzeige zugerechnet wird, je nach Conversion-Quelle auf bis zu 30, 60 oder 90 Tage einstellen. Ohne eigene Einstellung gelten 30 Tage [2]. Microsoft Advertising nimmt nachträglich gemeldete Conversions nur an, wenn ihr Zeitpunkt innerhalb der letzten 90 Tage und innerhalb des eingestellten Conversion-Fensters liegt [3]. Ein Auftrag im Oktober aus einem Klick im Februar liegt außerhalb jedes dieser Fenster.
Hinzu kommt der Medienbruch. Die Anfrage kommt über das Formular, alles Weitere läuft über Telefon, E-Mail, Außendienst und ERP. Das Werbesystem sieht nur den ersten Schritt. Es lernt daraus, welche Suchbegriffe und Zielgruppen Formulare erzeugen, und bietet genau dort höher. Ob aus diesen Formularen jemals Angebote wurden, erfährt es nicht.
Ein Werbesystem optimiert auf das, was man ihm meldet. Wer nur Formulare meldet, bekommt mehr Formulare.
Wie die Rückmeldung technisch funktioniert
Bei aktivierter automatischer Tag-Kennzeichnung trägt jeder Klick auf eine Google-Anzeige eine Kennung, die GCLID (Google Click Identifier). Bei Microsoft Advertising heißt sie MSCLKID. Google beschreibt den Offline-Conversion-Import so: Die Kennung wird zusammen mit den Angaben gespeichert, die der Interessent auf der Website hinterlässt. Wird aus dem Vorgang später ein Abschluss, meldet das Unternehmen ihn mit dieser Kennung an Google zurück. Für den Import über den Data Manager nennt Google je nach Datenquelle einen Zeitraum zwischen Klick und Conversion von unter 14 beziehungsweise 90 Tagen [4].
Ergänzend bietet Google die „erweiterten Conversions für Leads“ an. Dabei übermittelt die Website beim Absenden des Formulars gehashte, also unumkehrbar umgerechnete Kontaktdaten wie die E-Mail-Adresse. Beim späteren Import ordnet Google die Vertriebsdaten über diese Werte zu, auch geräteübergreifend. Vorhandene GCLIDs sollen nach Googles Empfehlung weiterhin mitgeliefert werden [5]. Microsoft Advertising erlaubt ebenfalls, statt der Klick-ID eine gehashte E-Mail-Adresse oder Telefonnummer zu übermitteln [3]. Beide Verfahren verarbeiten personenbezogene Daten und gehören deshalb in die Einwilligungs- und Datenschutzdokumentation der Website.
Das Problem der Fenster lösen sie nicht vollständig. Was nach 90 Tagen geschieht, erreicht das Werbesystem nicht mehr. Daraus folgt die wichtigste Entscheidung im Aufbau: Gemeldet wird nicht nur der Auftrag, sondern auch die Stufen davor, die noch innerhalb des Fensters liegen.
Die Methodik: Stufen, Werte, Rückkanal
Stufen definieren. Vier Stufen reichen in den meisten Betrieben: Anfrage eingegangen, Anfrage qualifiziert (technisch passend, echter Bedarf), Angebot versendet, Auftrag erteilt. Jede Stufe braucht eine Definition, die Vertrieb und Marketing gleich verstehen, und ein Datumsfeld im CRM, dem System für Kundenbeziehungen. Ohne Datum lässt sich nichts zurückmelden.
Werte je Stufe. Der Wert einer Stufe ist ihr erwarteter Auftragswert: durchschnittlicher Auftragswert mal Abschlussquote ab dieser Stufe. Ein Beispiel mit angenommenen Zahlen: Bei 80.000 Euro durchschnittlichem Auftragswert und einer Quote von 25 Prozent vom Angebot zum Auftrag ist ein versendetes Angebot 20.000 Euro wert. Wird aus jeder dritten qualifizierten Anfrage ein Angebot, ist die qualifizierte Anfrage rund 6.700 Euro wert. Die Quoten stammen aus den eigenen Vorgängen der letzten ein bis zwei Jahre und werden jährlich überprüft. So erhält das Werbesystem innerhalb des Fensters ein Signal, das sich am späteren Auftrag orientiert.
Klick-ID am Anfragedatensatz. Das Formular speichert GCLID und MSCLKID in versteckten Feldern und übergibt sie mit Landingpage und Kampagne ins CRM. Anfragen, die zuerst per Telefon oder E-Mail eingehen, werden über E-Mail-Adresse oder Telefonnummer mit früheren Website-Anfragen desselben Kontakts zusammengeführt. Dort, wo keine Klick-ID vorliegt, tragen die gehashten Kontaktdaten die Zuordnung.
Regelmäßiger Rückimport. Stufenwechsel werden mindestens wöchentlich übertragen, am besten automatisch aus dem CRM. Jede Stufe ist im Werbekonto eine eigene Conversion-Aktion. Als Gebotsziel dient anfangs die qualifizierte Anfrage, weil sie häufig genug vorkommt. Angebot und Auftrag laufen zunächst als beobachtende Conversions mit, bis genug Fälle vorliegen.
Auswertung bis zum Auftrag. Einmal im Quartal werden Kampagnen und Suchbegriffe nicht nach Kosten pro Anfrage, sondern nach Kosten pro Angebot und Auftragswert je eingesetztem Euro ausgewertet. Diese Auswertung läuft im CRM und kennt kein 90-Tage-Fenster. Häufig zeigt sich hier, dass die günstigsten Anfragen die teuersten Aufträge sind, weil sie selten zu einem führen.
Geduld bei Lernphasen. Strukturelle Änderungen an der Gebotsstrategie lösen eine Lernphase von bis zu sieben Tagen aus. Bis sich die Leistung an ein neues Ziel annähert, vergehen laut Google meist ein bis zwei Conversion-Zyklen [6]. Bei Zyklen von mehreren Monaten heißt das: Werte und Ziele nicht im Wochenrhythmus nachjustieren, sondern mit Abstand bewerten.
Das Ergebnis
Mit Stufen, Werten und einem regelmäßigen Rückkanal sieht das Werbesystem nicht mehr nur, wer ein Formular ausfüllt, sondern wer zu einem Angebot und zu einem Auftrag kommt. Die Gebote verschieben sich weg von Suchbegriffen, die viel Rücklauf ohne Substanz erzeugen, hin zu denen, aus denen Projekte entstehen. Die Zahl der Anfragen kann dabei sinken, während ihr Wert steigt.
Für die Geschäftsführung entsteht eine Zahl, die bisher fehlte: Auftragswert je Werbe-Euro, nachvollziehbar bis zur einzelnen Kampagne. Damit wird die Diskussion über das Werbebudget zu einer Diskussion über Aufträge, und die neun Monate zwischen Klick und Bestellung sind kein blinder Fleck mehr, sondern ein Zeitraum mit bekannten Stationen.
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