Messe und Nachfassen
Messekontakte und was danach passiert
Drei Tage Kontakte sammeln, danach Stille. Ein nüchterner Blick auf die Nachbearbeitung von Messen und darauf, warum sie so selten stattfindet.
Von Julian Budak, Geschäftsführer budak.
Für den deutschen Maschinenbau ist die Messe kein Marketinginstrument unter vielen. Sie ist für viele Betriebe das wichtigste, und sie ist das teuerste. Umso bemerkenswerter ist, wie wenig über ihre Wirkung bekannt ist. Am Stand werden Gespräche geführt, Visitenkarten gesammelt, Notizen gemacht. Zwei Wochen später ist das Tagesgeschäft zurück, und ein Teil der Kontakte hat nie wieder etwas vom Unternehmen gehört.
Das liegt nicht an mangelndem Willen. Es liegt daran, dass die Messe als Ereignis geplant wird und die Nachbearbeitung als Restaufgabe.
Das Problem: hohe Kosten, wenig Messung
Deutschland ist das Messeland schlechthin. Nach Angaben des AUMA finden zwei Drittel der weltweiten Leitmessen hier statt [4]. Für Aussteller ist das ein erheblicher Posten: Im AUMA-Aussteller-Ausblick 2025/2026 entfielen im Schnitt 45,4 Prozent des Marketingbudgets auf Messen [1]. Auf Investitionsgütermessen bewerten 85,4 Prozent der Aussteller die Messe als wichtiges oder sehr wichtiges Instrument [2].
Dem steht eine dünne Erfolgsmessung gegenüber. Laut AUMA-Ausblick 2026/2027 messen nur rund 49 Prozent der Aussteller den Messeerfolg vor allem über Kontakte, Anfragen und Neukunden. Rund 20 Prozent zählen nur Besucher, nach Einschätzung des AUMA insbesondere dort, wo kein strukturiertes Lead-Tracking etabliert ist. Rund 17 Prozent nennen Umsatz oder Aufträge als Kennzahl, und rund 10 Prozent messen gar nicht oder nach Bauchgefühl [2]. Gleichzeitig nennen 64,1 Prozent steigende Kosten als Herausforderung [2].
Wer nicht misst, kann nicht entscheiden, ob die nächste Messe größer, kleiner oder anders geplant werden sollte. Er kann nur wiederholen, was er kennt.
Eine Messe, deren Ergebnis niemand misst, wird beim nächsten Mal nach Gefühl geplant und nach Budget gekürzt.
Eine Zahl, die man nicht zitieren sollte
In vielen Beiträgen zum Thema steht, 80 Prozent der Messekontakte würden nie nachverfolgt. Eine belegte Studie dahinter findet sich nicht. Ein Fachbeitrag aus der US-Messebranche hielt schon 2013 fest, dass die Zahl in der Branche kursiert, aber nicht durch harte Fakten gedeckt ist [3]. Wir nennen sie deshalb nicht als Befund. Die AUMA-Zahlen zur Erfolgsmessung sind aussagekräftiger und betreffen deutsche Aussteller direkt.
Wo der Wert eines Messekontakts verloren geht
Der erste Verlust passiert am Stand. Kontakte werden auf Visitenkarten, Zetteln oder in Messe-Apps erfasst, deren Daten nie im CRM ankommen. Notizen wie „interessiert an Retrofit, Entscheidung Q2“ bleiben im Notizbuch des Standpersonals.
Der zweite Verlust passiert in den Tagen danach. Ohne Einstufung werden alle Kontakte gleich behandelt, also meist gar nicht oder mit derselben allgemeinen Dankes-E-Mail. Die drei wirklich konkreten Projekte gehen in der Menge unter.
Der dritte Verlust ist zeitlich. Für Online-Anfragen zeigte eine Untersuchung in der Harvard Business Review, dass eine Reaktion innerhalb einer Stunde die Chance auf Qualifizierung um ein Vielfaches erhöht und die durchschnittliche Antwortzeit dennoch bei 42 Stunden lag [5]. Messekontakte sind nicht dasselbe, aber das Prinzip gilt: Interesse kühlt ab, und andere Aussteller waren in denselben Hallen.
Die Methodik: Nachbearbeitung als Teil der Messeplanung
Vor der Messe: Erfassung festlegen. Kontakte werden direkt im CRM erfasst, per Visitenkartenscan oder Formular auf dem Tablet, mit wenigen Pflichtfeldern: Thema, konkreter Bedarf, Zeitrahmen, nächster Schritt, zuständige Person. Jeder Datensatz trägt die Messe als Quelle.
Am Abend: Einstufung. Noch am selben Tag stuft das Standteam jeden Kontakt ein, etwa in konkretes Projekt, Interesse ohne Zeitrahmen und allgemeiner Kontakt. Diese zehn Minuten entscheiden darüber, ob die Nachbearbeitung später priorisieren kann.
Innerhalb von 48 Stunden: Erstkontakt für konkrete Projekte. Nicht mit einer Rundmail, sondern persönlich, mit Bezug auf das Gespräch und einem Vorschlag für den nächsten Schritt.
In den Wochen danach: sichtbar bleiben. Für Kontakte ohne akuten Bedarf eignen sich fachliche Inhalte, etwa ein Fachartikel zum besprochenen Thema. Ergänzend lassen sich die Unternehmen der Messekontakte über Firmenlisten in LinkedIn-Kampagnen ansprechen, damit das Unternehmen in den Wochen nach der Messe weiter präsent ist, auch bei Kollegen des Gesprächspartners, die mitentscheiden.
Nach sechs bis zwölf Monaten: Auswertung nach Aufträgen. Weil jeder Kontakt die Messe als Quelle trägt, lässt sich am Ende sagen, wie viele Angebote und Aufträge aus der Messe entstanden sind und mit welchem Wert. Erst damit wird die Messe zu einer Investition, die sich mit anderen vergleichen lässt.
Das Ergebnis
Eine Messe mit strukturierter Nachbearbeitung kostet nicht mehr, sie bringt mehr aus denselben Kosten. Kein Kontakt geht zwischen Stand und Büro verloren, die wichtigen Projekte werden zuerst bearbeitet, und nach einem Jahr steht eine Zahl, mit der sich die nächste Messeplanung begründen lässt. In Zeiten, in denen Aussteller laut AUMA mehrheitlich über steigenden Budgetdruck klagen [2], ist das die Grundlage jeder vernünftigen Entscheidung.
Zu diesem Fachartikel oder zu Ihrem Vorhaben.
Vielen Dank, Ihre Anfrage ist angekommen.
Wir melden uns innerhalb der nächsten zwei Werktage persönlich bei Ihnen.
Weitere Fachartikel
-
Wie KI-Assistenten Lieferanten empfehlen
Einkäufer fragen ChatGPT, Copilot oder Gemini nach Lieferanten und bekommen eine Handvoll Namen. Wie diese Auswahl entsteht und wie man in ihr vorkommt.
-
Das Ersatzteil- und Servicegeschäft digital erreichbar machen
Das Servicegeschäft ist im Maschinenbau stabil und margenstark. Trotzdem beginnt eine Ersatzteilanfrage oft mit einer E-Mail ohne Maschinennummer.
-
Sichtbarkeit bei Einkäufern, die nicht suchen
Ein großer Teil der Beschaffung im Anlagenbau läuft über bekannte Lieferanten. Wie Unternehmen in die Vorauswahl kommen, die noch nicht auf der Liste stehen.
-
Warum technische Alleinstellungsmerkmale unter Wert verkauft werden
Fertigungstiefe und Sondermaschinenbau sind erklärungsbedürftig. Wer sie wie Katalogware darstellt, verschenkt genau den Vorsprung, der zählt.
-
Firmenbesuche auf der Website erkennen, und was der Datenschutz erlaubt
Welche Werke sich gerade informieren, verrät oft die IP-Adresse. Wie die Zuordnung funktioniert, wo sie endet und was rechtlich zu beachten ist.
-
Fachkräfte gewinnen: Karriereseite und Stellenkampagnen im Maschinenbau
Zerspaner, Mechatroniker und Elektroniker sind knapp. Warum Stellenanzeigen untergehen und was eine Karriereseite leisten muss, die Bewerbungen bringt.
-
Wenn der Vertriebsingenieur in Rente geht: Kundenwissen sichern, bevor es das Haus verlässt
Im Maschinenbau hängt die Auftragsbasis oft an wenigen Köpfen. Wie Kundenwissen vor dem Ruhestand ins Unternehmen übergeht, statt mit ihm zu gehen.
-
Wenn zwei Angebote im selben Werk landen
Warum parallele Anfragen aus demselben Unternehmen im Vertrieb oft als zwei Vorgänge laufen und was das an Preis, Glaubwürdigkeit und Trefferquote kostet.